Abb.1 - Tüllenflasche im Museum Burg Linn, Krefeld

 


Abb.2 - Detail der Tüllenflasche im Museum Burg Linn, Krefeld

 


Abb.3 - Tüllenkanne - am holzbefeuerten Glasofen des PAM Velzeke (siehe VFP2009 bzw. Bilderserie Herstellung einer Tüllenkanne) gefertigte Replik der ROMAN GLASSMAKERS Mark Taylor & David Hill

 


Abb.4 - Öllampe

Anmerkungen zu den sogenannten "römischen Nuckelflaschen"
(Tüllenflaschen / Tüllenkannen)

In Funden aus römischen Siedlungskontexten begegnen uns häufig merkwürdige, rundliche Fläschchen aus Glas, die über einen seitlich aus dem Bauch herausragenden Ausgießer verfügen. Sie werden regelmäßig als "Babyflaschen", "Saugfläschchen" oder "Nuckelflaschen" angesprochen. (1)

Diese anscheinend fest eingebürgerte Interpretation wirft einige Fragen auf:

Warum sind so viele "Nuckelnippel" scharfkantig abgebrochen? Dies birgt ein nicht unerhebliches Verletzungsrisiko für einen saugenden Babymund. Für den Glasbläser wäre es ein Leichtes gewesen, diesen scharfen Abbruch zu entschärfen.

Nun könnte man argumentieren, daß die scharfkantigen Brüche an den sehr dünnwandigen Ausgießern nicht beabsichtigt waren und die Gefäße zum Teil wegen dieser Beschädigungen "entsorgt" wurden. Allerdings existieren heute verblüffend viele dieser Gefäße mit scharfem seitlichen Ausgießer-Rand, davon viele als Grabbeigaben mit ansonsten unzerstörten Gefäßen. Wieso sollte also ausgerechnet solch ein defektes Gefäß zusammen mit intakten anderen Grabbeigaben bei einer Bestattung mitgegeben werden?

Selbst bei einem "intakten", also nicht scharfkantigen, Ausgießer stellt sich die Frage, ob das fragile, in diesem Bereich sehr dünnwandige Glas einem arbeitenden Babykiefer genügend Widerstand leisten kann - oder ob er aufgrund des schon von Babys ausübbaren Kieferdrucks zerbrechen würde.

Selbst wenn wir zu einem stumpfen Ausgießer auch eine ausreichende mechanische Belastbarkeit annehmen würden, bleibt die Handhabung der "Nuckelflasche" fraglich: Herkömmliche Babyflaschen geben dem Baby ihren Inhalt erst beim Saugen preis. Würde man die "römische Babyflasche" nun mit Milch füllen und sie dem Baby an den Mund führen, so käme es wohl zu einer unerwünschten "Druckbetankung", da die Milch sofort aus dem Ausgießer schießt, sobald die Flasche weit genug geneigt wird bzw. der Flüssigkeitsspiegel höher als das Ausgießerniveau kommt.

Eine praktikable Lösung für dieses Problem wäre eine auf dem Flaschenrand angebrachte Membrane. Allerdings fehlen dafür Belege. Zudem würden bei einigen dieser Flaschen die direkt am Rand angesetzten Henkel das Anbringen einer Membrane zumindest behindern, wenn nicht gar verhindern.

Auch eine Verwendung als Milchpumpe kommt kaum in Betracht, da sich die Ausgestaltung der Tülle kaum für die Anbringung eines zum Mund führenden Saugschlauches (aus welchem Material auch immer) eignet. Exemplare mit langer, bis zum Mund reichender Tülle sind mir bis dato aus der Antike unbekannt. Und der bei einigen römischen Tüllenkannen seitlich angebrachte Henkel dürfte bei einer hypothetischen Verwendung als Milchpumpe eher hinderlich als praktisch sein.

Statt der Verwendung als Baby-Trinkflaschen oder Milchpumpen favorisiere ich die Verwendung dieser Gefäße zum Befüllen von Öllampen. (2)

Die meisten römischen Öllampen zeichnen sich durch geringe Brennstoff-Fassungsvermögen aus und brennen deswegen schnell leer. Schon deswegen fehlt im breiten römischen Gefäßspektrum ein passendes Nachfüllgefäß, was sicherlich regelmäßig Verwendung in römischen Haushalten gefunden haben muß.

Das Nachfüllen einer römischen Öllampe erfolgt durch gezieltes Eingießen des Brennstoffs in das (im Regelfall im Lampenspiegel (3)) befindliche Nachfüll-Loch. Um einen übermäßigen Verschleiß durch Nachglimmen des Dochtes zu vermeiden sollten Öllampen spätestens beim durch Brennstoffmangel verursachten Herunterbrennen der Flamme nachgefüllt werden. Dieses Eingießen von Öl sollte besonders bei noch brennenden Lampen sehr zielgenau vorgenommen werden, da sich der Docht und somit die Flamme meist nicht allzu weit von dem Einfüll-Loch entfernt befinden - schließlich sind die meisten römischen Öllampen nicht sehr groß.

Die Tüllenflaschen sind für diese Aufgabe ideal geeignet: Sie verfügen über einen dünnen Ausgießer, mit dem zum einen sehr zielgenau eingefüllt, zum anderen auch gut dosiert werden kann.

Der oft anzutreffende scharfe Abbruch des Ausgießers wirkt sich bei dieser Verwendungsmöglichkeit nicht negativ aus. Zwar hätte er vom Glasbläser auf zweierlei Arten entschäft werden können, aber wenn die Notwendigkeit dieser Arbeitsschritte nicht gegeben ist, wundert es kaum, weshalb dieser zusätzliche Arbeitsschritt ebensowenig durchgeführt wurde wie eine Dekoration dieser Gefäße: Kaum eins weist Verzierungen in Form umlaufender Fäden oder ähnlicher Farbvariationen auf. Die meisten dieser Kännchen bestehen aus dem einfachen blaugrünen bis gelbgrünen, also ungefärbten (4) Glas und verfügen höchstens über einen einfachen Henkel.

Der Verzicht auf die Entschärfung des Ausgießerrandes hat für den Glasbläser auch den Vorteil, daß ein Bruchrisiko während einer schleifenden Nachbearbeitung oder ein bei diesem geringen Durchmesser des Ausgießers mögliches Zusammenschmelzen bei einer thermischen Entschärfung am Ofen entfällt.

Die schlichte Gestaltung der meisten dieser Gefäße unter Verzicht auf Ornamentik und Verzierung läßt eine Verwendung "an Tisch" beispielsweise als Essig- oder Ölkännchen, wie sie die neuzeitliche mediterrane Küche erfordert, nicht in Betracht kommen. Zum einen ist dafür kein so klein dimensionierter Ausgießer nötig, zum anderen beinhaltet das römische Formensprektrum genügend attraktive Glasgefäße wie kleine Henkelkännchen mit langgezogener Schnauze oder kleeblattförmigem Ausgießer, die wesentlich dekorativer wirken als diese Tüllenflaschen.

Der scharfe Abbruch des Ausgießers und die einfache Gestaltung dieser Gefäße legt eine nichtrepräsentative, also rein funktionsorientierte, Verwendung dieser Kännchen nahe, was einer Verwendung zum Befüllen von Öllampen nicht widersprechen würde.

 

Frank Wiesenberg 2009
(ergänzt im Januar und November 2010)


Dieser Artikel ist auch als Thesenpapier 2010-01 des Römischen Vicus "Anmerkungen zu den sogenannten "römischen Nuckelflaschen" (Tüllenflaschen / Tüllenkannen) im Downloadbereich des Römischen Vicus herunterladbar.

Zur Herstellung solcher Glasgefäße siehe die Bilderserie Herstellung einer römischen Tüllenkanne.

Anmerkungen:(1) Im Englischen "feeding bottle".
(2) Diese Theorie ist nicht neu: Bereits im 1928 erschienenen Heft "Römische Gläser aus Köln - Museum und Öffentlichkeit. Studien aus den Kölner Kunstsammlungen" formulierte Fritz Fremersdorf auf Seite 9: "...Früher nahm man an, daß es sich um sogenannte Kinder Saugfläschchen handele. Richtiger ist wohl die Auffassung, daß es Geräte gewesen sind, die zum Füllen der Lampen mit Öl gedient haben..." - eigentlich erstaunlich, daß sich die "Nuckelflaschen-Interpretation" in den letzten 80 Jahren hartnäckig gehalten hat.
 

(3) Zu den römischen Öllampen siehe auch das PDF "Zur Verwendung der antiken Öllampen - oder: 'Die Erleuchtung'"

(4) Die Farbe ist den Verunreinigungen des Rohmaterials Quarzsand u.a. mit Eisen geschuldet.


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