Dieser Artikel wurde in The Colchester Archaeologist No. 12 (1999) publiziert.

Text & Abbildungen © 1998 David Hill
Übersetzung © 2008 Frank Wiesenberg

Quelle: http://www.romanglassmakers.co.uk/articles.htm

 

 


Abb.2 - Graffito mit SPICULUS und APTONETUS im Haus des Fauns, Pompeji


Abb.3 - Fragment eines bemalten Wandverputzes aus Balkerne Lane, Colchester mit einem Gladiator (ein Murmillo), der besiegt seinen Schild senkt; entnommen aus: Junkelmann, M. (2000) "Das Spiel mit dem Tod - So kämpften Roms Gladiatoren" Philipp von Zabern: Mainz


Abb.4 - Knochenfigur eines Gladiators (eines Murmillos) aus Lexden, entnommen aus: Köhne, E. + Ewigleben, C. (2000) "Gladiators and Caesars" BMP: London

 

 

Gladiatoren!

 

Das Colchester Museum kann sich glücklich schätzen, Fragmente eines blau-grünen, formgeblasenen Glasbechers mit Gladiatorenabbildungen zu besitzen. Anscheinend nutzten die römischen Glasmacher die wachsende Popularität der blutigen Kampfspiele, so daß Becher dieses Formtypus die häufigste Variante der sogenannten "Zirkusbecher" sind.

Die Fragmente aus Colchester wurden in einer zwischen 49 bis 60/61 n.Chr. datierende Grube gefunden. Es wird angenommen, daß die meisten diese Becher im dritten Viertel des 1. Jh.n.Chr. gefertigt wurden. Leider sind nur ungefähr zwei Drittel dieses Bechers erhalten, aber viele andere formidentische Stücke sind in Britannien und dem europäischen Festland gefunden worden; unter anderem auch ein intaktes Exemplar in Frankreich (mittlerweile im Corning Museum of Glass, New York), so daß wir in der Lage sind, die fehlenden Partien des Bechers zu rekonstruieren.


Abb.1 - Abwicklungszeichnung des Bechers aus Colchester (© 1998 David Hill)

Vier Gladiatorenpaare in verschiedenen Kampfstadien sind abgebildet: SPICULUS ("der Stachel") hat COLUMBUS ("die Taube") besiegt oder möglicherweise sogar getötet, während CALAMUS ("der Pfeil") und HORIES mit vorgehaltenen Schilden recht defensiv kämpfen. Auf der anderen Seite des Bechers hat PETRAITES ("der Steinige") PRUDES ("der Vorsichtige") entwaffnet, der seinen Schild fallen gelassen hat und die Hand zum Anerkennen seiner Niederlage hochhält. Im letzten Viertel des Frieses ist der siegreiche PROCULUS (möglicherweise "der Hammer") abgebildet, der die Sieges-Palme hoch hält, während der geschlagene COCUMBUS mit der selben Geste wie PRUDES um Gnade bittet. (Möglicherweise könnte der meist als COCUMBUS interpretierte Name doch COLUMBUS lauten. Dann würde der Becher Aufstieg und Fall eines einst berühmten Gladiatoren beschreiben. Der antike Geschichtsschreiber SUETON beschreibt wie bei den Spielen der Kaiser CLAUDIUS auf die Rufe "Bringt die Taube herein!" antwortet: "Natürlich, aber er wird schwer zu fangen sein!". Das könnte auch bedeuten, daß COLUMBUS bereits getötet wurde, möglicherweise von SCIPULUS.)

Genau wie die Namen der auf den Zirkusbechern (siehe den Artikel über Zirkusbecher) abgebildeten berühmten Wagenlenker waren diese Gladiatoren überall wohlbekannt. Sie werden auch in der damaligen Literatur erwähnt (nicht zuletzt auch in den an Pompejis Wänden geschmierten Graffitis).

PETRONITUS bezieht sich im "Gastmal des TRIMALCHIO" in SATYRICON zweimal auf die Vielzahl von PETRAITES Kämpfen. SUETON erwähnt neben COLUMBUS auch SPICULUS, den NERO (offensichtlich zum Mißfallen des Autors) als seinen Liebling mit Reichtum, Land und Besitz verführte. In seinen letzten verzweifelten Sunden hat NERO nach SPICIUS geschickt, damit er seinem Leben ein Ende setze, aber sebst er ließ den letzten julisch-claudischen Kaiser im Stich.

Im Gegensatz zu den Wagenlenkern verliehen die Gladiatoren sich Pseudonyme oder Spitznamen, was möglicherweise ihren wenig ehrenhaften gesellschaftlichen Status kaschierte. Die meisten waren Verurteilte (auch Frauen, was man nicht vergessen sollte), oder Kriegsgefangene, denen die zweifelhafte Wahl zwischen Exekution oder der Arena gelassen wurde. Sie wurden in Gladiatorenschulen (LUDUS GLADIATORIUS) trainiert, und sie wurden entsprechend ihrem Können und den erschiedenen Gladiatorengattungen bewaffnet. Die auf dem Becher aus Colchester abgebildeten Gladiatoren sind alle Samniten, die mit großem Schild (SCUTUM) und Schwert (SPATHA) kämpfen. Sie alle tragen mit Federbüschen besetzte Helme. Thraker kämpften mit einem kleinen Rundschild (PARMA) und Krummschwert (SICA). Die mit einem großen Fisch auf dem Helm dekorierten Murmillo kämpften meist gegen mit Netz und Dreizack ausgestatteten Retiarier.

Die Gladiatorensopiele (HOPLOMACHIA) begannen mit einem großen Fest für die Kämpfer am Vorabend der Kämpfe; zu diesem Fest war auch das Publikum eingeladen. Am nächsten Tag wurden die Gladiatoren in Wagen von der Gladiatorenschule zum Amphitheater (das Colosseum war zum Zeitpunkt der frühen Gladiatorenspiele noch nicht erbaut) gefahren. Sobald sie die kaiserliche Loge erreichten riefen sie dem Kaiser das berühmte "AVE IMPERATOR, MORITURI TE SALUTANT! (Heil Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich!)" zu.

Die Spiele begannen mit einem Scheinkampf oder PROLUSIO mit unechten oder gepolsterten Waffen, wie zum Aufwärmen, bevor die ernste Hauptveranstaltung begann. Die einzelnen Kämpfe wurden oft von Darbietungen der Narren und Zwergen unterbrochen, die die richtigen Gladiatorenspiele parodierten oder bekannte Zwiste der Mythologie wie HERCULES und ANTEAUS nachspielten. Die Paarungen wurden durchs Los entschieden, und untermalt von Fanfaren, Hörnern, Trommeln und der Wasserorgel fanden sie Duelle statt - oftmals bis zum Tod. Wenn sich ein Gladiator ergab (wie PRUDES und COLUMBUS auf dem Becher von Colchester) war es das Recht des Siegers zu entscheiden, ob sein Gegner verschont (um später wieder zu kämpfen) oder getötet wurde. War jedoch ein Kaiser anwesend, so richtete sich der Gladiator nach dessen Urteil. Dieser wiederum befragte oft das Publikum.

Der siegreiche Gladiator bekam eine Siegespalme für jeden Sieg; allerdings mußte er davon so einige sammeln, bevor ihm das RUDIS, ein Holzschwert, verliehen wurde, das ihn von der Arena in die Freiheit entließ. Einige wenige Gladiatoren haben die Arena überlebt und konnten ihren Ruhestand genießen. Die Grabinschrift eines Gladiators ist erhalten, die uns sagt, daß er von einem Gegner getötet wurde, den er in einem früheren Kampf verschont hatte. Sie schließt mit einer eindringlichen Warnung an alle, die in diese Kämpfe führten: "MOREO UT QUIS QUEM VICERIT, OCCIDAT" - "Keine Gnade den Besiegten, egal wer es ist".

 

David Hill 1998


Weitere Litertaur zum Thema Gladiatorenbecher:

Harden, D.B. (1987) "Glas der Cäsaren" Olivetti: Mailand

Newby, M. and Painter, K. eds. (1991)"'Roman Glass - Two Centuries of Art and Invention" Society of Antiquaries: London

Cool, H.E.M. and Price, J. (1995) "Roman vessel glass from excavations in Colchester, 1971-1985". Colchester Archaeological Report 8: Colchester Archaeological Trust Ltd.

Harden, D.B. (1947) "The Glass" in Hawkes, C.F.C.

Hull, M.R. "Camulodunum" Society of Antiquaries: London

 

 


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