Dieser Artikel ist eine Übersetzung des auf der Webseite der ROMAN GLASSMAKERS publizierten Artikels "Mould-blown Beakers of the First Century AD".

Text & Abbildungen © Mark Taylor & David Hill
Übersetzung und Anmerkung © 2009 Frank Wiesenberg

Quelle: http://www.romanglassmakers.co.uk/beakers.htm

 

Formgeblasene Becher des ersten Jahrhunderts nach Christus

(siehe auch die Artikel über Gladiatorenbecher und Zirkusbecher)

 

Allgemeine Einführung:

Formgeblasenes Glas war im römischen Reich sehr gebräuchlich und weit verbreitet. Das Blasen von Glas stammt vermutlich aus der Region Syrien, wo es im ersten Jahrhundert vor Christus erfunden wurde und sich nach Italien und in die westlichen Provinzen des römischen Reiches verbreitete. Die Verwendung von Formen zur Glasherstellung beschleunigt eine Produktion vieler Gefäße, was zum einen den Bedarf an im Haushalt zur Lagerung und auch zum Transport benötigten Glases befriedigen hilft, als auch die Produktion vieler Gefäße zu primär dekorativen Zwecken ermöglicht.


Abb.1 - Unsere Replik einer Keramikform eines Ringerbechers
Komplizierte drei, vier- oder fünfteilige Formen waren zur Fertigung des breiten Spektrums aufwendig dekorierten Gefäßglases, "Zirkusbecher" (1) und die von Ennion und anderen namentlich bekannten Glasmachern eingechlossen, vonnöten. Zur Herstellung dieser Formen wurde vermutlich Ton um eine Urform gepreßt, die Formteile vorsichtig entfernt (dann einige Führungsnasen und -Löcher zur Formpassung hinzugefügt) und schließlich im Ofen gebrannt. Falls die Form einmal verschlissen sein sollte, konnte problemlos eine weitere Form von der Urform abgenommen werden.

Abb.2 - Repliken formgeblasener Becher: 047D (links) und 092A (rechts)

Einführung zu den Zirkusbechern:

Diese ungewöhnlich und attraktiv dekorierten Gefäße waren während der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus sehr verbreitet. Vollständige und fragmentiere Gefäße wurden über die westlichen Provinzen des römischen Reiches verstreut gefunden, so beispielsweise Großbritannien, Frankreich und Spanien. Viele Funde gibt es aus der Gegend von Köln und dem Rheintal, ebenso aus Windisch und Brugg in der Schweiz (2), was nahelegt, das dies die Produktions-Gegenden gewesen sein könnten. Andererseits nimmt man inzwischen an, daß umherziehende Glasmacher die gebrannten Keramik- oder Ton-Urformen von lokalen Fabrikanten bezogen, die nicht direkt etwas mit einem Glas-Fertigungsort zu tun hatten.

Es existieren sowohl zylindische als auch ovoide Zirkusbecher-Formen und ihre Dekorationen entsprechen einer gewissen Anzahl Basis-Designs.

Abb.3 - Fragment eines Zirkusbechers aus Colchester, GBNormalerweise sind vierspännige Pferdegespanne (quadrigae) auf zylindrischen Bechern mit einem einzelnen oder doppelten Fries abgebildet. Einzelne Friese zeigen oft vier Quadrigen beim Rennen im Zirkus oder auf einer Rennbahn (deswegen die Bezeichnung "Zirkusbecher"), wobei der Sieger einen Palmwedel oder Siegeskranz hoch hält. Die zweifriesigen Varianten zeigen zusätzlich ein Wagenrennen mkit vier Gespannen im unteren Fries, während der mittige Streifen die spina wiedergibt, die zentrale Barriere der Rennbahn, die mit drei hohen, konisch zulaufenden metae (Wendemarken) an jedem Ende, Rundenzählern in der Form von sieben Eiern oder Delphinen, einem Thron, Altaren, Obelisken und Statuen dekoriert war. Die Namen der Wagenlenker werden in einem dritten, kleineren Fries direkt unter dem Rand des Bechers erwähnt, wobei der Sieger oft mit der Nachsilbe "AV" (für "ave" = "heil") oder "VIC" versehen wird, während die Namen seiner Gegner oft mit "VA" (für "vale" = "und tschüß" oder "vade" = "geh") enden. (4)
Abb. 4 - Fragment eines Zirkusbechers aus York, GB

Abb.5 - Öllampe aus dem 1.Jh.n.Chr. mit Abbildung des Gladiators Gegas (4)

Alle bis heute bekannten Becher mit Wagenlenkern zeigen die Rennteams von links nach rechts, also gegen den Uhrzeigersinn, fahrend, was die Sicht eines Zuschauers eines Wagenrennens entspricht. Einige Zirkusbecher haben auch untergeordnete Friese mit Jagdszenen oder ein dekoratives Kreuzmuster, was eine Palisade wiedergeben könnte.

Die berühmteste Rennbahn war der Circus Maximus in Rom, wo während der Regentschaft von Caligula (37-41 n.Chr.) bis zu 34 Wagenrennen täglich abgehalten wurden (siehe Abb.6).

Die namentlich erwähnten Sportler waren sicherlich gefeierte Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Ihre Namen tauchen in verschiedenen Schreibweisen über das ganze Gefäßspektrum auf. Der Wagenlenker Incitatus (ICITATAE - "Der Schnelle" (5)) wird vom antiken Schriftsteller Martial erwähnt; andere finden sich in zeitgenössischen Inschriften wieder: Pompeius Musclosus ("Der Muskulöse") hat 3.559 Rennen gewonnen und Crescens starb im Alter von 22 Jahren mit einem Vermögen von 1.588.346 Sesterzen. Der auf unserem Becher 067A abgebildete Gegas ("Der Gigant") findet sich auch auf einer Tonlampe (siehe Abb.5) (4) aus der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus. Dort ist er mit der charakteristischen segmentierten Rüstung des Wagenlenkers abgebildet und hält Zaumzeug in der einen Hand, während er an einen Zielpfosten lehnt.

Gladiatorenkämpfe (7) sind auf zylindrischen Bechern in einem Fries oder auf einigen Ovoidbechern zusammen mit zweispännigen Wagenrennen (bigae) abgebildet. Auf zylindrischen Bechern finden sich vier Gladiatorenpaare, die mit Helmen, Schwertern und Schilden (seltener Trident) bewaffnet sind und sich in verschiedenen Stufen des Kampfes befinden: Kampf "Mann gegen Mann", verwundet, siegreich, kapitulierend (der Besiegte hebt die linke Hand), fliehend und erschlagen. Solche Kämpfe fanden in Amphitheatern (siehe Abb.7) statt und waren eine sehr beliebte Form der Unterhaltung. Wie bei den Wagenlenkern tauchen die Namen der Gladiatoren (oft heriosche "Künstlernamen") auf verschiedenen Bechern auf, was die Abbildung besonders erwähnenswerter Kämpfe nahelegt:

Petraites ("Rocky", "Der Steinige") wird sowohl im Satyricon von Petronius als auch inschriftlich in Pompeji erwähnt, während Spiculus ("Der Stachel", ein bekannter Favorit Neros, siehe Abb.8), Columbus ("Die Taube") und Procolus ("Der Hammer") werden vom Historiker Sueton erwähnt.

Die Tatsache, daß die gleichen Athleten-Namen auf den meisten dieser Gefäße auftreten, legt nahe, daß diese Gefäße nur während einer relativ kurzen Zeitspanne (claudisch/neronisch) produziert wurden, denn merkwürdigerweise finden sich keine Namen späterer Generationen von Gladiatoren und Wagenlenkern auf ähnlichen Glasbechern, obwohl sie auf Mosaiken, Keramik und anderen Medien erwähnt werden. Das kann einer Veränderung des Geschmacks der anvisierten Käuferschicht geschuldet sein. Eine andere mögliche Erklärung mag der mögliche Verlust einiger zur Herstellung der Urformen und Formen für diese zu den feinsten römischen formgeblasenen Gläsern gehörenden Becher nötigen Fertigkeiten sein.

Wir verwenden ein Sodaglas unserer eigenen Herstellung. Es basiert auf dem Glas der frühen römischen Kaiserzeit, beziehungsweise kommt diesem extrem nahe. Unsere Glasbecher werden in eine drei- oder vierteilige Bronzeform (6) geblasen. Das überschüssige Glas wird oberhalb des späteres Becherrandes abgetrennt, dann wird der Rand überschliffen und poliert.


Abb.6 - Rekonstruktion des Circus Maximus in Rom mit der zentralen spina


Abb.7 - Das Amphitheater von Pompeji


Abb.8 - Graffito des Spiculus und Aptonetus im Haus des Fauns, Pompeji

Im Neuzustand haben römische Gläser eine blanke, glänzende, "feuerpolierte" Oberfläche. Die matte oder irisierende Oberfläche, die viele überlebende Exemplare zeigen, wurde von oberflächlichen Verwitterungsprozessen während des langen Zeitraums seit ihrer Fertigung in römischer Zeit verursacht. Unsere Reproduktionen haben die gleiche feuerpolierte Oberflächengüte wie das originale römische Glas einstmals hatte.

Da die erste Generation unserer Glasrepliken vor einigen Jahren das Licht der Welt erblickte, wurden die nun erhältlichen Versionen dieser Becher zwischenzeitlich komplett überarbeitet, wenn wir die präzisen Abmessungen erhielten und durch Gipsabdrücke der Originalbecher mehr Details ausarbeiten konnten. Dies wurde durch den andauernden Enthusiasmus von Jennifer Price und Anna-Barbara Follmann-Schulz und der hilfreichen Kooperationsbereitschaft anderer Wissenschaftler und Museumsdirektoren ermöglicht.

Unsere Glasrepliken fallen in verschiedene Kategorien, die durch ihre Verwendung und die Gefäßform charakterisiert werden. Diese Gruppen entstammen Beat Rüttis Publikation über die in der Schweiz gefundenen Zirkusbecher (2) sowie Geneviève Sennequiers Arbeit über die entsprechenden Fundstücke aus Frankreich (3). Diese Becher sind meist aus blaugrünem Glas, aber auch kobaltblaue, smaragdgrüne und bernsteinfarbene Exemplare sind bekannt.

 

Mark Taylor & David Hill


(1)Siehe Artikel über Zirkusbecher
(2) Siehe Rütti, B.u.a. (1988) "Die Zirkusbecher der Schweiz. Eine Bestandesaufnahme" in Gesellschaft pro Vindonissa 1987 Brugg, Vindonissa
(3) Siehe Sennequier, G.(1998) "Les Verres Romains à scènes de spectacle trouvé en France" Rouen, Seurin (ISBN 2-9505942-2-0)
(4)Gegas Name hat auf der erwähnten Öllampe den Suffix "VA", siehe Abb.5
(5)Auf einem Becher mit Katalognummer 047C abgebildet
(6)Inzwischen kommen Keramik- bzw. Tonformen zur Herstellung von formgeblasenem Glas zum Einsatz. Dies entspricht noch mehr dem antiken Vorbild. (Anm.d.Übers.)
(7)Siehe Artikel über Gladiatorenbecher

 


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