Experimentelle Archäologie: Rekonstruierte römische Glasöfen im Einsatz
- das "Velzeke Furnace Project" 2010 -
Anläßlich des "Open Monumentendag", welcher dieses Mal mit dem Thema "Velzeke Viert Vuur" ein "Feuer-Festival" mit Töpfer-, Salz-, Räucher-, Back- und Glasöfen sowie weiteren Aktionen zum Thema Feuer werden sollte, wurde im Provinciaal Archeologisch Museum Velzeke (PAM, Belgien) wieder der nach römischem Vorbild rekonstruierte Glasofen vom 6. bis zum 13. September 2010 in Betrieb genommen. Am Projekt arbeiteten als Glasbläser Mark Taylor (assistiert von David Hill, ROMAN GLASSMAKERS, GB), François Arnaud (Atelier PiVerre, F) und auch wieder William Gudenrath vom Corning Museum of Glass (USA). Das Ofen-Team bestand neben den vom Museum gestellten Heizern, koordiniert von Peter van der Plaetsen, wieder u.a. aus Robert van Zijll de Jong (NL), Frank Wiesenberg (D) und wurde archäologisch und vor allem tatkräftig von Anna-Barbara Follmann-Schulz (D), Bettina Birkenhagen (D) sowie François Arnauds Lebensgefährtin Caroline unterstützt. | ![]() |
Vom 6. bis zum 13. September 2010 war der Glasofen am PAM in Velzeke wieder in Betrieb. Während der langen Arbeitspause hatten einige durch das undichte Dach verursachte Wasserschäden an Arbeits- und Kühlofen starke Spuren hinterlassen, die vor dem Platzieren und Ausrichten der neuen, von Robert van Zijll de Jong gefertigten, Glashäfen behoben werden mußten. Am Montag, dem 6. September, wurden die Häfen eingebracht, wobei einer der 6 Glashäfen (je 2 vor den großen Arbeitsöffnungen, 1 vor der kleinen Arbeitsöffnung und ein Reservehafen, der eher unser Gewissen beruhigt hat als daß er während des Projekts hilfreich gewesen wäre) wieder zu groß für die größte Arbeitsöffung war, so daß er auf die bewährte Weise per "Aufzug" den Weg durch das Schürloch zu seinem Platz auf der Ofenbank fand. Nach waagerechtem Ausrichten der Häfen, was inzwischen aufgrund der sich inzwischen stark nach innen neigenden Ofenbank nicht gang trivial ist, wurde der Ofen zunächst für einige Stunden auf ca. 200°C gebracht um danach wieder über Nacht zu ruhen. Aufgrund der Erfahrungen der letzten Projekte wurden nun einige Vereinfachungen eingeführt, aber auch Optimierungsversuche unternommen: Auf die Temperaturmessung in der Feuerkammer wurde aus zwei Gründen verzichtet: Zum Einen war kurzfristig kein 50cm langer Thermosensor lieferbar, zum Anderen lag die dort zu erwartende Temperatur mit > 1250°C über dem zulässigen Temperaturbereich des Fühlers, dem also (wie schon zuvor mehrfach geschehen) kein langes Leben beschieden gewesen wäre. Zudem waren bei der Messung in der Feuerkammer keine besonderen Überraschungen zu erwarten. Wichtiger war die Messung in Höhe der Glashäfen, die wieder ideale Arbeitstemperaturen knapp unterhalb der 1100°C zeigte. Auch auf das Wiegen des Brennholzes wurde verzichtet, da hierzu schon genügend Daten aus den vorhergegangenen Projekten vorliegen. Aber wie im Jahr zuvor wurden auch dieses Mal wieder Holz- und Aschenproben zu Analysezwecken gesammelt. Während des Projekts wurde noch am Betrieb des Kühlofens "herumgeschraubt", um eine möglichst gute Gefäßqualität mit möglichst wenig Ausschuß durch Spannungsrisse, Überhitzungsschäden und matten Belag auf dem Glas zu erhalten. Während Erstere durch ein genaueres Eingrenzen der idealen Kühlofen-Temperatur weitestgehend gelang, sollte und wird uns Letzteres noch weiter Kopfzerbrechen bereiten. Mehr dazu auf der Seite Betrieb des Kühlofens. Aber jetzt zunächst zum weiteren Projektablauf: Am Mittwochmorgen war die Anheizphase des Arbeitsofens abgeschlossen und 1000°C lagen in Höhe der noch leeren Glashäfen an. Sowohl Ofen als auch die Häfen hatten die Anheizphase gut überstanden, so daß Mark Taylor am Mittwochnachmittag das Glas einfüllen konnte. Erstmals wurde bei diesem Projekt nicht nur Altglas wiederverwendet, sondern auch Glas mit Mangan und Kobalt beim Einfahren der Glasmasse gefärbt. Abends stand noch ein Pressetermin an, für den ganz kurz das Glasblasen demonstriert wurde. Wegen der noch schlechten Glasqualität (das Glas muß mindestens über Nacht bei hoher Temperatur zusammenschmelzen um eine einigermaßen akzeptable Qualität zu haben) wurde hier auf ein Hochfahren des Kühlofens verzichtet. Am Donnerstagmorgen wurde mit dem Glasblasen begonnen; diesmal stand der Kühlofen wohltemperiert parat um die heißen Gefäße aufzunehmen. Die Arbeitstemperatur des Glasofens lag zwischen 1050°C und 1100°C, die des Kühlofens um 460°C (siehe hierzu auch die Seite Betrieb des Kühlofens).
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Neben den römischen Gefäßen, insbesondere formgeblasene Kopfflaschen, lag wieder ein weiterer Schwerpunkt auf venezianisch beeinflußtem Glas. Da der Betrieb des Glasofens schon fast Routine war, entwickelt sich das Glasofenprojekt immer mehr zur kreativen Spielwiese der Glasbläser: Wie im September 2009 waren auch in 2010 Ringflaschen ein Thema, wobei das Niveau der gefertigten Gefäße angesichts der experimentellen Randbedingungen erstaunlich hoch war. Es kam zu einem regelrechten Wettbewerb unter den Glasbläsern, der durch eine in Köln gefundene plattbauchige Zierflasche mit vier Durchbrüchen und hindurchfliegenden Tauben inspiriert wurde (siehe die Seite Zierflasche). Für das diesjährige Glasofen-Projekt hatten die ROMAN GLASSMAKERS auch drei neue Kopfflaschen-Formen im Gepäck, die ausgiebig gestestet wurden. Ein kleiner Show-Höhepunkt war dreimal das sogenannte "Goblet-Tossing", bei dem ein gerade geblasener, heißer Glaskelch seinen Weg vom Glasbläser zum Kühlofen durch die Luft fand. Weltpremiere an einem römischen Glasofen! Erstaunlicherweise überlebten alle drei Kelche diese Prozedur und wurden vom Fänger per Handschuh in den Kühlofen verfrachtet. Durch das Thema Feuer wurde der Samstagabend für das Glasofenpersonal sehr lang, da planmäßig bis 22:00 Uhr vor Publikum gearbeitet werden sollte. Wider Erwarten wurde der Kühlofen während dieser extrem langen Arbeitsphase nicht übervoll, aber da der Kühlofen erst gegen 22:30 zum langsamen Abkühlen verschlossen werden konnte, mußte der normale Zeitplan des Kühlofens (ca. 19:00 Verschließen des Kühlofens, ca. 23:00 Temperaturkontrolle, 7:00 Temperaturkontrolle & Leeren des Feuerraums, kontrolliertes Auskühlen bis ca. 9:30 zur Entnahme der Gefäße, Reinigen des Gefäßraumes und Wiederanzünden des Ofens, ca. 10:30 Betriebstemperatur erreicht) deutlich gestafft werden, was ohne negative Beeinträchtigung der Gefäße gelang. |
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Wie auch die Jahre zuvor, so möchte ich mich an dieser Stelle wieder bei Manuela Arz für die vielen Fotos und Unterstützung vor Ort bedanken!
Die Dokumentation des "Velzeke Furnace Projects 2010" ist wie folgt gegliedert:
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Frank
Wiesenberg | Diese
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